Vorwort des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau e.V.

Am 18. Mai 1994 wurde die ehemalige Synagoge Riedstadt-Erfelden als Gedenkstätte, Dokumentationszentrum und Lernort in Dienst genommen. Nach eingehenden Beratungen und Überlegungen war eine Vorlage zur inhaltlichen Arbeit erstellt worden, die die Grundlage der kulturellen und wissenschaftlichen Arbeit im Haus und für die Besucher bildet.

In den vergangenen drei Jahren haben wir den Auftrag, das Haus mit Leben zu füllen, in den drei oben genannten Arbeitsfeldern aufgegriffen und ausgefüllt. Kulturelle Veranstaltungen haben ebenso stattgefunden wie Besuche von Schüler- und Erwachsenengruppen. Die Akzeptanz der ehemaligen Synagoge als Begegnungsort hat immer mehr zugenommen.

Besonders froh sind wir darüber, dass die pädagogische Arbeit auf dem Gebiet der Erstellung von Unterrichtshilfen für Lerngruppen begonnen werden konnte. Gerade die zweite und dritte Generation nach der Zeit des nationalsozialistischen Terrors braucht Orte und inhaltliche Vorgaben für die Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Dabei geht es nicht nur um die historische Aufarbeitung, sondern auch um die Findung und Klärung von Handlungsweisen in heutiger Zeit. Begegnung mit der Geschichte ist immer auch Klärung des eigenen Standortes und – auf dem Hintergrund des Geschehenen – Orientierung in der Gegenwart. Geschichte vergeht nicht, sondern bleibt in den Menschen und Generationen aktuell. Gerade die Ereignisse der letzten Wochen im Zusammenhang mit der Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht belegen das aufs Eindrücklichste. Der Blickwinkel, unter dem der Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion betrachtet wird, ist der des einfachen Soldaten, der zum Vollzugsgehilfen eines Offizierskorps wurde, das sich wi­derspruchslos in den Dienst der Naziideologie stellte. Unter diesem Blickwinkel erst erscheinen die Verbrechen als Alltag der Truppe, der einzelne Soldat als williger oder unwilliger Vollstrecker. Erst die kritische Distanz zu den Verbrechen, das freie Eingeständnis, verstrickt gewesen zu sein, schafft die Möglichkeit für jeden Einzelnen, sich seiner Lebensgeschichte ganz zu stellen, ohne ausblenden zu müssen, was als Lebenserfahrung niemals in Vergessenheit geraten kann. Diese Erfahrung machten und machen alle Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebten und sich heute kritisch mit ihr auseinandersetzen. Alltagsgeschichte im Nationalsozialismus – und dazu gehört auch das Verbrechen der Ausgrenzung und Vertreibung der Juden – ist eben nicht nur Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern immer auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte.

Wenn wir einen ersten Forschungsbericht zur Geschichte der Juden auf dem Lande am Beispiel einer Ortsgemeinde aus dem Kreis Groß-Gerau – Biebesheim – vorlegen, leisten wir auch einen Beitrag dazu, die Geschichte der Landbewohner, „des kleinen Mannes“, nachzuvollziehen. Der Blickwinkel, unter dem wir die Geschichte der Juden Biebesheims betrachten, ist der des Nachbarn und Mitbürgers. Manches erscheint unter diesem Blickwinkel schärfer und schroffer. Glättungen sind nicht möglich, wo Lebensgeschichte Fakten geschaffen hat.

Dem Arbeitskreis Jüdische Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde sind wir dankbar für seine Forschung vor Ort und die Beharrlichkeit, mit der seine Mitglieder am Thema bleiben.Frau Joisten-Pruschke hatte die Koordination für die Erstellung der Broschüre und die wissenschaftliche Begleitung in Händen. Auch ihr gilt unser Dank. Der Kreissparkasse Groß-Gerau danken wir dafür, dass sie die Drucklegung finanziell unterstützt. Der Gemeinde Biebesheim und dem Heimatmuseum von Biebesheim für die Zuarbeit und wohlwollende Begleitung.

Wir hoffen, mit diesem Heft den Grundstein zu einer Reihe von Publikationen zum Leben der Juden auf dem Lande am Beispiel der Gemeinden und Städte des Kreises Groß-Gerau zu legen.


Walter Ullrich
Vorsitzender des Fördervereins jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau.



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